
Ausstellung in der Dominikanerkirche
Ein Umdenken hat stattgefunden: Naturkatastrophen, Kriege und enttäuschter Technikglaube stimmen zunehmend nachdenklich und verändern die Wahrnehmung. Auch das European Media Art Festival in Osnabrück ist in diesem Jahr politischer geworden. Die Gegenwartskunst war schon immer eine Art Seismograph für gesellschaftliche, politische und soziale Entwicklungen, so Alfred Rotert von der Festival-Leitung. Die Medien verwischen Distanzen und lassen uns Ereignisse unmittelbar erleben, auch wenn sie am anderen Ende der Welt geschehen. Ob durch Naturkatastrophen wie in Indonesien oder auf Haiti, Kriege im Irak, Afghanistan oder Libyen oder die Atomkatastrophe in Japan – die gesellschaftliche Vorstellung einer heilen Welt ist stark ins Wanken geraten. Dies machten auch die Arbeiten beim diesjährigen Festival deutlich, das vom 27. April bis 1. Mai stattgefunden hat.
Doch die grundsätzlich positive Stimmung bei Besuchern, Künstlern und Organisatoren des EMAF war auch in diesem Jahr wieder deutlich zu spüren. Gäste aus Deutschland aber besonders auch aus dem Ausland fühlten sich ausgesprochen wohl und gut aufgehoben und lobten das ausgewogene und hochwertige Programm. Und ein Versprechen hörte man immer wieder: „Wenn irgendwie möglich bin ich im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder dabei“.

Jury und Preisträger 2011: Kathy Rae Huffman, Alexandra Pütter, Günther Agde, Bodo Schönfelder, Fatemeh Ahmadi, Gerhard Funk, Rizki R. Utama (v.l.)
Die Preisverleihung des 24. European Media Art Festivals fand am Abend des 1. Mai in der Lagerhalle Osnabrück statt. Der Verband der Deutschen Filmkritik (VDFK) vergab den Preis für den besten deutschen Experimentalfilm und 1000 Euro an Gerhard Funk und seinen Film BARDZO (9 Min.). In der Animation geht es um ein antriebsloses Wesen, das sich scheinbar nicht aus seiner Lage zu befreien weiß – bis es doch einen winzigen Hoffnungsschimmer gibt.

BARDZO
Die Mitglieder der diesjährigen Jury des VDFK sind Günther Agde, Alexandra Pütter und Bodo Schönfelder. Ihr Urteil: „Die Jury war beeindruckt vom sparsamen, aber wirkungsvollen Einsatz der Mittel, der von Stilsicherheit und Konsequenz des Filmemachers zeugt. Die flächige Gestaltung in abgestuften Grautönen und deren Aufbrechen durch prononcierte Farbeffekte und Auslassungen kennzeichnen den Film. Computergestützte Dreidimensionalität und Reduktion auf Grau ermöglichen Experimente mit Wiederholung und Variation. Der hohe Stellenwert der Musik und die Toneffekte unterstützen die Führung der Bilder. Nicht zuletzt ist BARDZO einfach schön anzusehen.“
Eine internationale Jury vergab sowohl den EMAF Award, den Newcomer Award als auch den Dialogpreis des Auswärtigen Amtes. Sie besteht aus Arjon Dunnewind, Kathy Rae Huffman und Gabriel Soucheyre. Überraschenderweise hat die Jury in diesem Jahr beschlossen, den EMAF-Award sowohl für einen Kurz-, als auch für einen Langfilm zu vergeben und die Preisgelder neu aufzuteilen. Der EMAF Award prämiert richtungsweisende Arbeiten der Medienkunst und ging sowohl an Emily Vey Duke und Cooper Battersby mit dem Film LESSER APES (17 Min.) als auch an den Langfilm YOU ARE HERE (100 Min.) von Daniel Cockburn. Für beide Filme wurde zudem ein Preisgeld von je 1500 Euro vergeben.

YOU ARE HERE
LESSER APES propagiert eine enthemmte Sexualität zwischen den Menschen – den „pinkies“ – und unseren nächsten Verwandten, den Affen. Die Regisseure heben diese Dichotomie auf und nehmen so eine Umdeutung des Perversionsbegriffs vor. Daniel Cockburn’s YOU ARE HERE stößt mit seinem breit angelegten Denkspiel einen ernsten und bedeutsamen Diskurs über das flüchtige Wesen Identität an. Die Jury gratuliert herzlich zu diesem ersten Langfilm des kanadischen Regisseurs.

PULNOC
In diesem Jahr wurde der mit 1500 Euro dotierte Newcomer Award zu ersten Mal verliehen und ging an den 40-minütigen Film PULNOC (Midnight) von Klára Tasovská. Sie studiert an der FAMU Akademie in Prag und zeigt in ihrem Werk die sozialen und psychologischen Auswirkungen von Licht und Dunkelheit auf den Menschen. Eine lobende Erwähnung der Kategorie Newcomer erhielt auch Rizki R. Utama, der in seinem Film SIDEWALK STORIES anhand von auf den Straßen Westeuropas gefundenen Alltagsgegenständen Rückschlüsse auf die kulturelle Identität Europas zieht. Die Jury freut sich auf weitere Werke des Künstlers und ermutigte ihn sehr, in Bezug auf Form und Inhalt weiterhin Neues zu wagen.

Media Campus im Zimmertheater
Der Dialogpreis des Auswärtigen Amts zur Förderung des interkulturellen Austauschs gewann SATELLITE, AS LONG AS IT IS AIMING AT THE SKY (29 Min.) von Nasrin Tabatabai und Babak Afrassiabi über die Welt der iranischen Satelliten-Fernsehsender in Los Angeles. Die Künstler erhalten zudem 1500 Euro Preisgeld. Lobend erwähnt wurde hier auch der Film INVITATION von Payam Zeinalabedini, in dem uns die iranische Filmemacherin mit auf eine Pilgerreise durch den Irak nimmt, die die Jury laut ihrem Urteil nicht mehr vergessen wird.

Media Art Garden
Die Ausstellung Planet M in der Kunsthalle Dominikanerkirche zeigte noch bis 29. Mai 2011 aktuelle Positionen international anerkannter Künstler und Arbeiten junger Talente. Moving Stories bildet den Hauptteil und wurde in internationaler Kooperation des EMAF mit fünf weiteren europäischen Kunstinstitutionen zusammengestellt. Präsentiert werden mediale Installationen unter anderem aus Belgien, Italien und Österreich. Thematisch beschäftigen sich die Arbeiten allesamt mit der Innovation der Erzählkunst. Rund um das bewegte Bild erforschen Künstlerinnen und Künstler neue Formen des Erzählens, jeder auf seine ganz persönliche künstlerische Art und Weise.
Weitere Informationen: www.emaf.de
Festivalfotos: Angela von Brill, Kerstin Hehmann
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