Film von Michael Heuer
Sendetermine: Sa, 27.11.10, 22.30 Uhr, Phoenix; Di, 2.2.10, 23.40 Uhr, NDR-Fernsehen (Erstausstrahlung)
Am 8. Februar 2008 wird auf einem Hochsitz im Solling/Niedersachsen der Leichnam eines Mannes gefunden. Neben ihm liegt eine Art Tagebuch, in dem der arbeitslose Handelsvertreter Bilanz zieht: „Jetzt geht‘s auf Hartz IV, aber nicht mit Peter Zschäpe!“. Warnung, Appell, Klageruf! 24 Tage lang verharrt der zuletzt in Hannover gemeldete Mann auf dem morschen Hochsitz, isst und trinkt immer weniger, bis er im Dezember 2007 einsam und unbemerkt stirbt. Ein Arbeitsleben in Deutschland: Wie Willy Loman in Arthur Millers berühmtem Theaterstück „Tod eines Handlungsreisenden“ aus dem Jahre 1949 findet sich auch der einst erfolgreiche Verkaufsleiter Peter Zschäpe in den Bedingungen der modernen Arbeitswelt nicht mehr zurecht. Die Frührente lehnt der 58-Jährige ab, genauso Hartz IV. Das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben ist für ihn das Eingeständnis, versagt zu haben.
„Die Rente ist sicher!“ und „Arbeit muss sich wieder lohnen!“: diesen locker daher gesagten Sprüchen deutscher Politiker ist der „Handlungsreisende“ des 21. Jahrhunderts auf den Leim gegangen. Wie überhaupt die auf Arbeit fixierte Gesellschaft kühl vorrechnet: „Ohne Fleiß kein Preis!“ und „Haste was, biste was!“. Nach außen hin wirkt der ehemalige Verkäufer stolz und stark. Das wahre Ausmaß seiner existenziellen Not verschweigt er.
In einer Zeit, in der „Not leidende Banken“ vom Staat mit finanziellen „Schutzschirmen“ und Manager abgewirtschafteter Unternehmen mit Bonuszahlungen in Millionenhöhe versorgt werden, ist der einzelne „hoch geschätzte“ Mitarbeiter in Wirklichkeit nichts wert. Während sich Politiker auf eine Pension von vielen Tausend Euro freuen, sieht ein Großteil der Bürger voller Angst der Rente mit 67 entgegen. Die Finanzkrise ist eben auch eine moralische Krise.
Dass Arbeit immer häufiger depressiv macht, hat unlängst der Freitod von Robert Enke deutlich gemacht. Fast auf den Tag genau im Monat November suchte und fand auch er wie Peter Zschäpe zwei Jahre zuvor einen Ort, um sich das Leben zu nehmen. Erst in der Trauer um den Fußballnationalspieler haben viele erkannt, wie sehr die Arbeitswelt Menschen zerstören kann.
Der mehrfach preisgekrönte Fernsehautor Michael Heuer hat sich mehr als ein Jahr lang auf Spurensuche begeben. Er hat Zeitzeugen und Weggefährten gefunden, die Peter Zschäpe kannten und dessen Arbeitsleben begleiteten. Diese Aussagen bilden die Grundlage des Films. Wie Erinnerungsfetzen umkreisen sie den Hochsitz: am Tag, in der Nacht, bei Regen und Schnee, bei Sonne und blauem Himmel. Ein so genannter „Text“ erübrigt sich. Vielmehr bekommt der aus dem Leben scheidende Mensch selbst ein Organ, einen Atem: die Stimme und die Musik von Jens Thomas, zaghaft und aufbegehrend, flüsternd und brüllend, warm herzig und gefrierend zugleich.
Produktion:
Michael Heuer Film- und Fernsehproduktion
Gefördert mit Mitteln der nordmedia Fonds GmbH in Niedersachsen und Bremen.
Siehe auch: TOD AUF DEM HOCHSITZ
25.10.2010
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